Was Telegram verdeutlicht
Wer die Anfänge und die rasche Verbreitung des Internets miterlebt hat, wird sich erinnern. Am Anfang war eine riesige Begeisterung da über eine neue technische Möglichkeit. Endlich gab es für die neuen Computer eine sinnvolle Verwendung, die über Rechnen und Schreiben und Fotobearbeitung hinausging. Es gab ein Tor zur Welt am eigenen Schreibtisch. Die Begeisterung drückte sich auch in einer Vielzahl kostenloser Programme aus, die von Hobbybastlern entwickelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurde.
Und dann kamen die ersten Werbe-E-Mails, vor allem mit Sexangeboten, und die Schattenseiten wurden sichtbar. Jeden Tag landete Abfall (spam) im Postfach. Um diesem Ärgernis einen Riegel vorzuschieben, gab es bald eine Reihe gesetzlicher Vorschriften, die auch alle schnell umgangen wurden, vor allem durch „Firmensitze“ im Ausland. Insbesondere das zwingend vorgeschriebene Impressum hat sich in der Folgezeit als zweischneidiges Schwert herausgestellt.
Das Impressum ermöglichte die Feststellung, wer hinter einer Webseite oder einer E-Mail steht. Theoretisch.
Praktisch kann man heute Webseiten mit Baukastensystemen selber zusammensetzen und passenderweise gleich beim Anbieter buchen. Ein Impressum ist in den Baukastensystemen nicht zwingend erforderlich. Wer den Betreiber der Seite dann kontaktieren will, hat weder Namen noch Adresse zur Hand, es bleibt nur übrig, den Unternehmer des Baukastensysstems nach den Kontaktdaten zu fragen. Diese Firmen sitzen im Ausland. Zum Beispiel in den USA, in einer Großstadt, als Briefkastenfirma in der 10. Etage eines Büroturms. Anfragen werden erst gar nicht beantwortet. Und wer setzt schon Anwälte in Gang, wenn man niemanden verklagen kann. Meistens erlauben die ausländischen Gesetze diese Geheimhaltung dann auch noch. Hoffnungslos. Das alles betrifft Privatpersonen und Firmen, die sich gegen irgendetwas wehren möchten, aber nicht können.
Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, die Betreiber von Webseiten sehen sich Angriffen ausgesetzt.
Da sind zum einen die „Organe der Rechtspflege“, Anwälte, die mit Abmahnungen im großen Stil Kasse machen, um „im Namen des Rechts“ minimale Verstöße gegen Formalien in Geld umzusetzen. Ein „guter“ Anwalt macht so locker ein paar Tausender am Tag. Zur Zeit läuft eine Abmahnwelle wegen Verwendung von Google-Schriften, wenn diese nicht in den Datenschutzerklärungen erwähnt wurden. Ich kenne viele kleinere Firmen, die aus Angst vor diesen „Rechtsvertretern“ keine eigene Webseite haben. Die „Organe der Rechtspflege“ sind zum Schrecken der Rechtspflege geworden.
Zum anderen sind es die Kunden, die nicht nur Könige sind, sondern auch Betrüger, die sich Leistungen erschleichen und dann nicht bezahlen wollen. Oder Leute, die sich über „social media“ verabreden, um jemanden fertig zu machen, zu mobben.
Die konsequente weitere Entwicklung brachte Telegram auf den Markt. Impressum und Kontaktdaten gibt es dort in seltensten Fällen. Die Anonymität ist das Markenzeichen von Telegram. (Das betrifft allerdings nur die Kontaktdaten. Verschlüsselungen der Dienste sind nicht generell vorgesehen. Und Telegram selbst darf auf alles zugreifen und speichern.) Und schnell wurde Telegram zum Erfolg. Endlich konnte man sich austauschen, ohne gleich zur Kasse gebeten zu werden. Es ließen sich auch kriminelle Aktivitäten leicht einfädeln, vom Waffenhandel bis zum Rauschgift, von gefährlichen Chemiekalien bis zu Sexangeboten.
Und da stehen wir heute. Die typisch deutsche / europäische Überreglementierung hat zu einem Schattenreich auf der anderen Seite geführt. Gegen die kriminellen Auswüchse ist bisher kaum ein Kraut gewachsen.
Bleibt die Frage, ob man das alles ernst nehmen muss. Ich denke ja. Wenn die Begehung von Straftaten so einfach ermöglicht wird, kann das die Gemeinschaft / der Staat nicht ignorieren.
Aber wer schon öfters mit pubertierenden Jugendlichen zu tun hatte, der kennt auch die zeitlich begrenzten Auswüchse in der Sprache und den Handlungen. Im HydePark in London, in der 42. Straße in New York oder im Karneval in Köln ist es ja auch akzeptiert. Eine Quasselbude mehr, was soll' s.
Bis jetzt habe ich nur einen wirklich überzeugenden Grund für Telegram gefunden. Eine Gruppe wohlhabender Spender wollte sich im Netz zu gemeinsamen innovativen Förderungsmaßnahmen verabreden. Das ist auf einer normalen Webseite mit Impressum zu riskant, wird eine Seite oder eine E-Mail gehackt, hält der Hacker gleich eine Liste wohlhabender Leute in den Händen. Diese Gruppe tauscht sich nun über Telegram aus mit fingierten Benutzernamen.
Schließlich könnte der Blick auch zu einen anderen Umstand schweifen. Zum Anmelden bei Telegram muss man eine Handynummer angeben, sonst funktioniert die Anmeldung nicht. Die Firma Telegram ist also im Besitz von Daten aller kriminellen Aktivitäten und von Telefonnummern dieser Kriminellen. Das muss nicht bis in alle Ewigkeit gut gehen. Was passiert eigentlich, wenn diese Kombinationen verkauft oder gehackt werden?
Soweit mein Eindruck. Telegram ist zweischneidig. Mindestens.