Smartphones & Co
Heute ist erster Weihnachtstag, ein Sonntag, und trotz eines Spaziergangs habe ich den ganzen Tag noch kein Handy gehört – kaum zu glauben; wird sich aber gleich ändern. Das Film- und Fernsehprogramm kommt ohne Handys gar nicht aus. Sobald die Handlung stockt, klingelt es, und es geht weiter, noch spannender, noch mitreißender, noch emotionaler.
Dabei könen die Dinger ganz schön nerven, egal ob im Zug, im Bus, in der Straßenbahn, in der Bücherei, in der Oper, und egal ob sie Handys, Smartphones oder mobiles heißen. Und obwohl sie schon eine Weile auf dem Markt sind, verstehen viele immer noch nicht die Technik und brüllen in das Ding hinein, als könne man für die paar hundert Meter zur Not auch aufs Handy verzichten.
Überall und bei jeder Gelegenheit kann es losgehen. Die Botschaft an alle Anderen dabei ist: Ihr Anderen seid gefälligst ruhig, jetzt telefoniert ein ganz Wichtiger; je lauter, desto wichtiger.
Im Laufe des Jahres 2022 habe ich in aktuellen Spielfilmen nun schon den Beginn einer Gegenbewegung ausgemacht. Beispiel Vorstellungsgespräch. Das Handy einer Bewerberin bimmelt, die Schauspielerin ist unbekannt und wird abgelehnt wegen ungebührlichen Verhaltens; kein Respekt! Handelt es sich um eine bekannte Haupdarstellerin, müsste sie eigentlich auch gehen, aber die ganze Dramatik der Handlung wird nun sichtbar, und weil nun alles so menschlich ist, geht es gut. Gott sei Dank. Das Kind war doch krank, Mutter im Sterben, Freund Leukämie oder so.
So weit, so belanglos. Die Technik lotet halt unsere Toleranzgrenzen aus. Besser gesagt, eine neue Technik wird umso erfolgreicher, je nerviger sie für die Umgebung ist; je lauter, desto wichtiger. Die Liste ist lang: Lautsprecherboxen mit mehr als 100 Watt in Wohnungen, Walkman und MP3-Player mit fünf Meter weit hörbaren „Kopf-“Hörern, Autolautsprecher mit 2000 Watt ...
Dass es auch ohne Lautstärke erschreckend wird, zeigt ein Bericht aus den USA. Dort müssen sich die Menschen an den Fließbändern ohne Wenn und Aber der Geschwindigkeit der Bänder anpassen. Bei einigen Logistikern ist der „Fortschritt“ schon so weit gediehen, dass die Programme der Fließbänder auch die Namen ihrer Bediener kennen und bei wiederholter „zu langsamer“ Arbeitsweise automatisch Kündigungen veranlassen können.
Das gibt es in Europa so konsequent nur freiwillig im Hobbybereich. Für Fitnes-Programme können Maßstäbe aufgestellt werden, die an Galeerenrudern erinnern. Ganz absurd wird es im Schachbereich. Ohne intensives Training am Computer hat man höchstens mit viel Glück im Stadtpark noch eine Chance. Die Schachprogramme sind derart ausgefeilt, dass alle Spieler mit einer höheren Bewertung (Elozahl) sich freiwillig zu Knechten der Programme machen müssen. Das Ergebnis sind dann Statistiken, in denen ein Remis das häufigste Ergebnis ist. So als spielten die Programme untereinander – mit Menschen als Marionetten.
Der Trend ist wohl klar, so wird es weitergehen, aber sicher wird es auch eine Gegenbewegung geben, und das Pendel schwingt zurück.